Von Eiertitschen, Schmackostern und Ratschen
Wie sudetendeutsches und mährisches Brauchtum an Ostern bewahrt bleibt – Zeitzeugen erinnern sich nach achtzig Jahren
Von Michael Rudolf
Ostern dürfte seit alters her das wohl eindrücklichste Fest der Christenheit im Jahreskalender sein, ist es doch der Glaube an die Auferstehung, der im Zentrum steht und das Besondere der Feierlichkeit betont.
Die österliche Tradition der Passionsspiele
Neben den typischen österlichen Bräuchen, den außergewöhnlichen Speisen und dem nachhaltigen Kult um das Osterei waren es vor allem die Passionsspiele, in denen mit heilspädagogischer Absicht an das Leben, das Sterben und die Auferstehung Christi erinnert wurde und noch heute anlässlich mancher Aufführung erinnert wird. Zahlreiche Städte blicken auf Passionsspiele zurück, wovon das „Oberammergauer Spiel“ von 1634 das heute wohl bekannteste sein dürfte. Neben der Frankfurter und Friedberger Passion war es im „Wetterauer Spielkreis“ das Alsfelder Passionsspiel mit seinen 8.095 Versen, welches an drei Tagen auf der ebenerdigen Fläche vorwiegend des Marktplatzes mit Aufbauten und den a
n die zweihundert Akteuren nachweislich 1501, 1511 und 1517 zur Aufführung kam. 2026 können Alsfelder auf eine erste nachgewiesene Darbietung der mittelalterlichen beziehungsweise frühneuzeitlichen Passion 1501, nunmehr vor 525 Jahren, zurückblicken, in dem das österliche Geschehen um das Leben, Leiden, Sterben und die Auferstehung thematisiert wurde. Zu einem weiteren Spielkreis zählt beispielsweise das „Egerer Passionsspiel“, dass das österliche Geschehen aus dem Heiligen Land nach „Böhmen“ holte und neben weiteren Dramen der Region zu einem festen Bestandteil des dortigen Brauchtums zu Ostern wurde.
Welches österliche Brauchtum existierte neben den Passionsspielen in den „böhmischen Ländern“? Mit welchen Freuden wurden dort Kinder und Jugendliche begabt? Inwieweit ist das Brauchtum an Ostern des Sudetenlandes und Mährens nach der Vertreibung bewahrt worden? Aufschluss über diese Fragen geben zwei Zeitzeugeninterviews, die der Autor mit Waltraut Enderlein und Gustav Smolinka anlässlich deren Vertreibung vor achtzig Jahren geführt hat.
Österliche Bräuche im Sudetenland – Hahn, Hase und Eiertitschen
Waltraut Enderlein, die mit ihrer Familie bis zur Vertreibung aus dem Sudetenland 1946 in Asch, einer nordwestböhmischen Stadt, lebte, erinnert sich gerne an die österliche Zeit ihrer Kindheit und frühen Jugend. Neben den bekannten Traditionen wie den Erzählungen rund um den Hasen, die Osternester, die Gebäcke oder die Vorfreude auf ein besonderes Gericht war es in dieser, aus Österreich stammenden und einst ins Sudetenland einwandernden Familie der Hahn, der das österliche Geschehen für die Kinder einleitete.
„Bei uns brachte der Hahn die Osternester, also die Nester mit den bunten Ostereiern“, so Waltraut Enderlein und ergänzt, dass, „sobald am Oster-Sonntag-Morgen die Osternester im Vorgarten unseres Anwesens versteckt waren, ein lauter Kikeriki-Ruf“ ertönte. Die Kinder wussten nun, dass der Osterhase da gewesen war, und die begeisterte Suche nach den Osternestern und deren Inhalten konnte sehr zur Freude von uns Kindern“ beginnen.
Waltraut Enderlein erinnert sich ebenso daran, dass für das Fest der Ostern vor allem „Osterlämmchen“ und ein „Kranz aus Hefeteig“ gebacken wurde. Das Frühstück war ein gewichtiger Teil des Brauchtums. Zu diesem Anlass wurde „ein Brot aus Hefeteig angeschnitten, auf dem ein Kreuz-Zeichen eingeritzt“ war. Am Oster-Sonntag-Nachmittag, ergänzt die Zeitzeugin, „fand dann zur Freude besonders der Kinder, aber auch der der Erwachsenen das Eier-Titschen“ statt. Dabei sitzen zwei Kombattanten gegenüber und schlagen die Eier gegeneinander, wobei die- oder derjenige gewinnt, deren beziehungsweise dessen Eierschale standhält und das Ei unzerbrochen bleibt. Waltraut Enderlein, die mit der Übersiedlung ihrer Familie von 1948 bis 2020 zweiundsiebzig Jahre in Alsfeld lebte, schmunzelt noch heute darüber, dass Erwachsene und Kinder bei diesem Wettbewerb die gleichen Chancen hatten, zu gewinnen. Ein freudiges Highlight war es, „wenn ein Kind als Sieger hervorging“.
Schmackostern – ein erstaunlicher Brauch
Gustav Smolinka, der aus dem mährischen Kremsier stammt und der mit seiner Familie im Juni 1946 von dort vertrieben wurde, erzählte mir von einem schönen, aber gleichzeitig wunderlichen Brauchtum, den so genannten „Schmackostern“. Am zweiten Osterfeiertag flocht sein Vater eine Rute aus Weiden, „mit der er von Bauernhof zu Bauernhof und von Haus zu Haus ging, um mit der Weidenrute die jungen Mädchen und Bauersfrauen symbolisch auszupeitschen beziehungsweise sie zu streichen“. Dabei sang er ein tschechisches Lied, erinnert sich mein Zeitzeuge, das er wie folgt wiedergeben kann: „Wenn im Frühjahr die Natur erwacht, gibt sie neue Lebenskraft. Ich schlage dich mit diesen Zweigen, damit du sollest fruchtbar bleiben.“ Dieser Brauch, der ein wenig martialisch und heute vielleicht von manchen abwertend betrachtet wird, bringt jedoch zum Ausdruck, dass die Natur zur Zeit der Ostern beziehungsweise im Frühjahr wiedererwacht und die Lebenskraft mit dem Vertreiben des Winters zurückkehrt, so dass die erwachende Natur samt ihrer Fruchtbarkeit im übertragenen Sinn sowie ihrer Kraft des Wachstums den Anstoß zur Tüchtigkeit, Gesundheit und Lebensfreude und den motivierenden Aufbruch zu etwas Neuem gibt.
Nach der Vertreibung und Ansiedlung der Familie in Hünfeld und ab 1952 im Marburger Raum praktizierte Gustav Smolinkas Vater den Brauch noch eine lange Zeit, wobei dieser „für die hiesigen Bauern und alle, die damit konfrontiert wurden, ein ungewöhnliches Ritual“ gewesen sei und „im Ort als eine seltsame Handlung betrachtet“ worden war. „Natürlich wurde der österliche Brauch erklärt. Als kleine Geste des Dankes bekam der Vater überall ein Schnäpschen angeboten, was dazu führte, dass er nach einer Runde im Dorf doch leicht beschwipst nach Hause kam“, erinnert sich Gustav Smolinka an den Oster-Montags-Brauch seiner Heimat mit einem Lächeln. Noch heute sei „dieses Ritual in Mähren und andernorts sehr beliebt, was vor allem mit der Tradition der hausgemachten Schnäpse dieser Landschaft“ einhergehe und „teils noch praktiziert“ werde, so der Zeitzeuge. Dieser Osterbrauch ist vielerorts auch unter dem Begriff der „Osterstecken“ bekannt.
Vielfältiges Brauchtum an Ostern
Dass die Zeit der Ostern noch viele weitere Bräuche hervorgebracht hat, ist bekannt. Ob es die Osterfeu
er, das Eierfärben, das Osterlamm, das Eierwerfen, die Palmbuschen, das Osterlachen im Gottesdienst oder das Osterwasser ist, anlässlich dessen sich alle zu einer Quelle aufmachen, allen Bräuchen ist gemeinsam, dass an Fruchtbarkeit, die Auferstehung und das Vertreiben des Winters erinnert beziehungsweise damit der Schutz des Hauses, der Aufbruch in ein „neues Leben“ sowie das Ende der Fastenzeit symbolisiert wird. In manchen Regionen ist es das „Osterreiten“ oder der „Lärmbrauch des Ratschens oder Klapperns“ in der Kar- und Osterwoche, das die schweigenden Glocken, welche nach Rom zum Segnen geflogen seien, ersetzt.
Vieles könnte noch genannt werden, wobei die Leserinnen und Leser bestimmt den einen oder anderen Brauch zur Ergänzung des Beitrags parat haben. Festzuhalten ist, wenn auch in diesem Jahr an Ostern das Brauchtum gepflegt wird, soll sich ein jeder eingedenk sein, dass die österliche Zeit so viele Riten hervorgebracht hat, die aus verschiedenen Zeiten stammen und die ihre Herkunft aus unterschiedlichen Regionen zur Freude der Kinder, der Jugendlichen und der Erwachsenen nehmen.